Andernachs "verlorener" Stadtteil: Fornich
Nur noch wenige kennen Fornich. Der kleine Weiler, zwischen Namedy und Brohl gelegen, ist mit dem Ausbau der Bundesstraße 9 in den 1960er-Jahren bis auf ein einziges Haus vom Erdboden verschwunden.
Unser Objekt des Monats ist daher ein seltenes und regionalhistorisch bedeutendes Relikt. Dieser geschmiedete Leuchter stand bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts in der gotischen Kapelle von Fornich. Der kleine Ort lag an einer markanten Biegung des Rheintals unmittelbar zu Füßen des Vulkans „Hohe Buche“ (Fornicher Kopf/Kreuzborner Lay). Dort wurde bereits seit der Keltenzeit Basaltlava für Reib-, frühe Mühl- sowie Bausteine abgebaut. Die Römer brachen hier im 2. Jahrhundert unter anderem die gewaltigen Basaltsteine, die bis heute die Trierer Römerbrücke tragen. Über ein ausgefeiltes System von „Rutschen“ wurden die schweren Lasten den Hang hinab bis nach Fornich geschoben, um sie dort auf Schiffe zum Weitertransport zu verladen.
Fornich war jedoch nicht nur im Basaltabbau und -handel bedeutend, sondern auch als Raststätte für Reisende – insbesondere für die rheinaufwärts getreidelten Schiffe (eine sogenannte „Halfenstation“). Diese mussten von Pferden und zum Teil auch von Menschen stromaufwärts über den sogenannten Leinpfad gezogen werden, der in Fornich wegen der hier anstehenden Felsen unterbrochen war. Daher gab es in Fornich einige Gasthäuser und Schenken, ein Hospiz für Reisende und die 1369 geweihte Dreifaltigkeitskapelle, aus der unser Leuchter stammt. Nach schweren Zerstörungen während des Dreißigjährigen Krieges 1632/33 wurde das Gotteshaus um 1660 wieder instandgesetzt und erhielt einige neue Ausstattungsgegenstände. Darunter befand sich möglicherweise auch unser schmiedeeiserner Leuchter, der noch einen (heute leeren) Wappenschild des Stifters trägt. Der Leuchter steht auf einem Basaltsockel, auf dem früher die Jahreszahl 1661 gestanden haben soll. Davon ist heute jedoch nichts mehr zu sehen.
Der wohl berühmteste Fornicher war übrigens der Bildhauer Christian Mohr (1823–1888), der zahlreiche Skulpturen für die Fassaden und Portale des Kölner Doms schuf. Seinen Charakter als gastfreundlicher Ort hatte Fornich bis zum Schluss behalten; insbesondere die Fornicher Kirmes alljährlich zum Dreifaltigkeitssonntag war eine Attraktion. Auch war Fornich im Volksmund für seine Kröbbelche (Reibekuchen) bekannt, wovon folgende Verse zeugen (die ehemals am Giebel des Gasthauses Wwe. Anton Post in Fornich zu lesen waren und scherzhaft auf die geographische Lage des Ortes anspielten):
„In Fornich am Rhein, ihr lieben Leut,
da backt man den Kuchen auf einer Seit.
In Oberhammerstein, s‘ ist gar nicht weit,
da backt man ihn auf der andern Seit‘.“
Der Untergang des Örtchens, das später vor allem vom Fremdenverkehr und der Fischerei lebte, wurde indes schon durch den Bau der linksrheinischen Eisenbahnstrecke 1857/58 eingeleitet. Da sich Fornich unmittelbar an die Hänge des Vulkans Hohen Buche schmiegte, musste durch Felssprengungen Platz für die Schienen geschaffen werden. Im Februar 1945 kam es dann zu schweren Schäden durch Bombentreffer, unter anderem an der gotischen Kapelle, die danach langsam verfiel. Als zwischen 1962 und 1965 die B 9 vierspurig ausgebaut wurde, ließ das steile Gelände keinen Raum für eine Verbreiterung. Die verbliebenen Häuser sowie die Ruine der Kapelle wurden abgerissen. Der Ort war Geschichte. Heute steht nur noch ein einziges „Fornicher“ Haus an der Gemarkungsgrenze zwischen Namedy und Brohl. An die Kapelle erinnert ein Monument aus Basalt.
Unser Leuchter ist daher, neben der ebenfalls im Stadtmuseum aufbewahrten mittelalterlichen Glocke der Fornicher Kapelle, eines der letzten Relikte dieses spannenden Kapitels Heimatgeschichte. Er kann ab sofort in der Dauerausstellung besichtigt werden.
Fornich um 1925. Postkarte aus der Sammlung des Andernacher Stadtmuseums.
