Zu sehen im Andernacher Stadtmuseum...
Um Ihnen die umfangreiche stadtgeschichtliche Sammlung des Andernacher Stadtmuseums schlaglichtartig vorzustellen, werden wir ab sofort monatlich ausgewählte Objekte präsentieren, die auch in einer besonderen Vitrine im Stadtmuseum ausgestellt werden.
Im Februar gehen wir weit zurück in die Vergangenheit Andernachs. Unser „Objekt des Monats“ zeigt detailliert den Aufbau einer Badeanlage, die vor rund 1.700 Jahren zu einer römischen Villa am heutigen Marienstätter Hof gehörte.
Nachdem um die Jahrhundertwende südlich des Marienstätter Hofes bei Feldarbeiten immer wieder Ziegel- und Keramikstücke an die Erdoberfläche befördert worden waren, konnte der damalige Altertumsverein „Alt Andernach“ unter zeitweiser Begleitung durch den Bonner Archäologen Constantin Koenen (1854–1929) zwischen Dezember 1912 und März 1913 an dieser Stelle die Grundmauern eines römischen Landgutes („villa rustica“ bzw. „villa suburbana“) aufdecken. Derartige Güter mit ihren ausgedehnten Ländereien waren üblicherweise für die Nahversorgung der benachbarten Siedlungen bzw. Städte mit Getreide, Gemüse, Obst, Fleisch und Milchprodukten zuständig.
Ein wichtiger Bestandteil des einst wohl stattlichen Gutes südwestlich des römischen ANTUNNACUM war eine Thermenanlage, deren Wasserver- und -Entsorgung durch den Deubach sichergestellt wurde. Der Besuch von Bädern mit einem gewissen Luxus wie fließendem Wasser, Fußboden- und Wandheizung sowie Wandmalereien war auch in den römischen Provinzen für wohlhabende Bevölkerungsschichten quasi „guter Standard“. Übrigens dürfen wir uns eine römische Badeanlage nicht wie ein modernes Schwimmbad, sondern eher wie ein türkisches Dampfbad mit mehreren, unterschiedlich warmen Räumen vorstellen. Im 4. Jahrhundert befand sich innerhalb des Andernacher Kastells eine große Thermenanlage, von der 2006 neben dem Mariendom bedeutende Reste freigelegt wurden.
Die Anlage am Marienstätter Hof stammte in ihrer letzten Ausbaustufe wohl aus spätrömischer Zeit, wobei 1912/13 Indizien für ältere, vielleicht sogar noch vorrömische Vorgängerbebauungen gefunden worden sein sollen. Auch wurden die Reste mehrerer römerzeitlicher Nebengebäude freigelegt. Ein paar hundert Meter von der Villa entfernt wurde u.a. der Torso einer Frauenskulptur von einem einst repräsentativen Grabmal aus der frühen Kaiserzeit (1. Jahrhundert n.Chr.) gefunden (ebenfalls im Stadtmuseum ausgestellt). Teile der Villa gingen wohl gegen Ende der römischen Herrschaft (4./5. Jahrhundert) zugrunde. „Ganz in der Nähe“ gefundene merowingerzeitliche Scherben wurden jedoch als Indiz für eine Fortnutzung zumindest von Teilen des Hofgutes im Frühmittelalter gedeutet. Im späteren Mittelalter war das Areal dann im Besitz der in Andernach begüterten Abtei Marienstatt, die an dieser Stelle einen Hof besessen haben soll, der während des Dreißigjährigen Krieges 1632/33 zerstört worden sei. Die heutige Hofanlage geht auf das Jahr 1866 zurück.
Da es sich um einen bedeutenden archäologischen Befund handelte, ließ der Andernacher Altertumsverein unmittelbar nach dem Ende der Ausgrabungen im Jahre 1913 ein detailliertes Modell des römerzeitlichen Bades anfertigen. Den Tätigkeitsberichten des Vereins kann entnommen werden, dass die Arbeiten von der „Kölner Modellbaugesellschaft“ und „unter der Kontrolle und nach den Aufnahmen des Herrn Koenen“ ausgeführt wurden. Das Modell besteht aus einer Holz-Unterkonstruktion, auf der das Mauerwerk in Gips modelliert und dann bemalt wurde.
Das Modell war eine Stiftung von Dr. Anton Hambloch (geb. 1871) an den Andernacher Altertumsverein, in dem er selbst aktives Mitglied war. Hambloch war seit 1898 als Prokurist in dem bedeutenden Andernacher Traßunternehmen G. Herfeldt (Koblenzer Straße) tätig, wo er auch intensiv in den Bereichen Material- und Produktentwicklung forschte und publizierte. Viele seiner Veröffentlichungen sind in der Bibliothek des Stadtmuseums erhalten. Da bereits die Römer über hochentwickelte Techniken bei der Nutzung von Trass und Beton („opus caementitium“) verfügten, war Dr. Anton Hambloch sicherlich auch selbst an der Konstruktionsweise der Villenanlage und des Bades sehr interessiert. Aus der bedeutenden Sammlung des Andernacher Altertumsvereins gelangte das Modell vor dem Zweiten Weltkrieg in den Bestand des 1936 eröffneten Heimatmuseums - unser heutiges Stadtmuseum im Haus von der Leyen, wo es ab sofort als „Objekt des Monats“ besichtigt werden kann. Übrigens: Für diejenigen, die sich näher über die interessante Geschichte der Andernacher Bäche und ihre vielfältigen Nutzungen informieren möchten, erscheint in Kürze ein neuer Band in der Reihe der „Andernacher Beiträge“.
Foto: Dr. Kai Seebert/Stadtmuseum Andernach.
